Chobe National Park – Elefanten, Löwen und ein Fluss voller Leben

Aktualisiert: 21. Sept.
Ein Boot, ein Fluss, noch keine Sonne. Am frühen Morgen, bei kühlen acht Grad, legen wir am Chobe River, eingehüllt in Wolldecken und mit einem heissen Kaffee in der Hand, ab. Langsam gleiten wir in die Dämmerung hinaus. Alle Sinne sind geschärft. Die Augen gewöhnen sich an das schwache Licht und die Ohren nehmen jedes Geräusch wahr.
Am Steuer sitzt Sue, unser Guide und Teil der «Chobe Angels», Afrikas erstem komplett weiblichen Safari-Guide-Team. Angefangen hat alles 2004 mit Florence Kagiso, die sich als einzige Frau in einem rein männlichen Team durchsetzte und heute selbst neue Guides ausbildet. Mittlerweile sind es rund zwanzig Frauen, die Boote und Geländewagen steuern, während ihre männlichen Kollegen in der Lodge arbeiten.
Sue manövriert unser Boot so nah ans Ufer, dass wir winzige Vögel in den Büschen entdecken und Pavianfamilien beobachten können, die noch etwas verschlafen von den Bäumen zum Fluss hinuntersteigen. Während Sue ihr beeindruckendes Wissen über die Natur des Chobe mit uns teilt, tauchen die ersten Krokodile auf. Regungslos liegen sie im Wasser und scheinen nur darauf zu warten, dass ein unaufmerksamer Pavian zum Frühstück wird.
Etwas weiter erscheinen über einer Anhöhe die ersten Elefanten. Die Nacht verbringen sie in den nahe gelegenen Wäldern, am Morgen machen sie sich gemächlich auf den Weg zum Fluss. Erst sind es nur wenige, dann werden es immer mehr. Bald steht eine ganze Herde von über zwanzig Tieren im Wasser, Jungtiere und ausgewachsene Elefanten bunt durcheinander. Sie trinken, baden und geniessen sichtlich das Wasser. Chobe ist nicht einfach ein Nationalpark mit Elefanten. Es ist der Ort mit der grössten Elefantenpopulation in Afrika - und das sieht man an jeder Flussbiegung.
Am Nachmittag wechseln wir vom Boot in den Geländewagen, und der Park zeigt uns sein zweites Gesicht. Über endlose Sandpisten fährt uns Sue durch die Landschaft, vorbei an Kudus, Impalas, Warzenschweinen und natürlich immer wieder Elefanten. Manche stehen so nah neben dem Jeep, dass wir ihnen beim Fressen zusehen können. Wir beobachten uns gegenseitig: wir mit einer gehörigen Portion Respekt, die Elefanten irgendwo zwischen Neugier und Argwohn. Wird ihnen unsere Anwesenheit zu viel, machen sie das unmissverständlich klar. Ein kräftiges Wackeln mit den riesigen Ohren, manchmal begleitet von einem lauten Tröten, genügt. Zeit weiterzufahren. Mit diesen mächtigen Tieren möchte man sich definitiv nicht anlegen. Nicht weniger faszinierend sind die Giraffen. Elegant bewegen sie sich durch die Landschaft, die Köpfe hoch über den Büschen, als könnten sie über den gesamten Chobe hinwegsehen.
Und dann endlich: Löwen.
Am Flussufer liegt ein ganzes Rudel und erholt sich von der morgendlichen Jagd. Die Tiere dösen im Gras, scheinbar völlig unbeeindruckt von unserer Anwesenheit. Es ist ein besonderer Moment, diese mächtigen Tiere in freier Natur aus nächster Nähe zu beobachten. Etwas später entdecken wir eine einzelne Löwin. Sie kommt einen Hang herunter direkt auf unseren Jeep zu. Ein eindrücklicher Moment, der schon etwas Angst macht. Sue erklärt uns, dass Löwen das Fahrzeug als Ganzes wahrnehmen und die einzelnen Menschen darin nicht als potenzielle Beute erkennen. Ein Schritt aus dem Jeep würde die Situation allerdings schlagartig verändern. Deshalb begleitet uns während der Safaris immer wieder Sue's Satz: "I'll look for a friendly bush". Gemeint ist ein sicheres Plätzchen, wenn man auf die Toilette muss.
Die Löwin läuft unmittelbar an uns vorbei. Für uns interessiert sie sich nicht im Geringsten. Ihr Ziel ist das Wasserloch weiter unten, wo sie in aller Ruhe ihren Durst löscht. Weniger Glück hatte ein Warzenschwein. In einem Busch liegt es auf dem Rücken, die Beine in die Luft gestreckt, während sich einige Junglöwen über ihre Mahlzeit hermachen. Auch das gehört zum Chobe – die Natur ist wunderschön, aber sie ist nicht sentimental.
Plötzlich kommt über Funk eine Meldung: Ein anderer Jeep hat einen Leoparden gesichtet.
Schlagartig ist es vorbei mit der gemütlichen Fahrt. Sue wird zur Rallyfahrerin und jagt mit uns über die Sandpisten in Richtung der Sichtung. Der Jeep schaukelt und holpert, wir halten uns fest und hoffen, noch rechtzeitig anzukommen. Doch obwohl Sue alles gibt, sind wir zu spät. Der Leopard ist verschwunden. Dafür wartet wenig später eine andere Begegnung auf uns: Ein majestätisches Löwenmännchen streift durch die Büsche. Für einen Moment ist der verpasste Leopard vergessen.
Dann gibt es noch eine Show, für die weder Funkgerät noch Guide nötig sind - die des Himmels.
Sonnenaufgang und Sonnenuntergang verschmelzen am Chobe River mit der Landschaft zu etwas, das sich kaum in Worte fassen lässt. Der Himmel leuchtet erst golden und orange, später rosa und violett. Der Fluss spiegelt die Farben, während sich die Silhouetten der Elefanten und Giraffen dunkel gegen den Horizont abzeichnen. Für ein paar Minuten scheint die Zeit stillzustehen.
Wer einen Sonnenuntergang über dem Chobe River erlebt, sieht nicht einfach nur Farben am Himmel. Er erlebt diese Landschaft mit all ihrer Weite, Ruhe und Wildnis.
Drei Tage lang durften wir all das von der Chobe Game Lodge aus erleben. Drei Tage voller Begegnungen, die bleiben werden: die Elefanten im Fluss, Löwen am Wasserloch, Paviane in der Morgendämmerung, rasante Fahrten über staubige Sandpisten und Abende unter einem Himmel, den man am liebsten festhalten würde.
Was am Ende aber genauso in Erinnerung bleibt wie die Tierwelt, ist die Herzlichkeit der Menschen in Botswana. Zusammen mit diesen überwältigenden Naturerlebnissen hat sie dafür gesorgt, dass Chobe für uns weit mehr als nur eine weitere Station unserer Reise geworden ist.
Ein Ort, der uns noch lange im Herzen bleiben wird.


